Betreuung bildlich gesprochen

Betreuung bildlich gesprochen

Ein Beitrag zur gelebten Kreativität in der SFB-Betreuung  im Team Mattighofen

Im Dezember 2019 wurde der Wunsch von Seiten der Kinder- und Jugendhilfe (KJH) Braunau an unser Team Mattighofen herangetragen, die derzeit ein wenig tristen Gänge des dritten Stocks des Amtsgebäudes mit Bildern zu bespielen. In den sechs Monaten bis Juni 2020 entstanden im Rahmen der Betreuungstätigkeit mit betreuten Kindern und Jugendlichen beachtlich kreative Werke, welche kürzlich der Leitenden Referentin der KJH Braunau übergeben wurden.
In diesem Artikel wird bewusst auf eine tiefgehende Bildinterpretation verzichtet, in den Vordergrund wird der Gestaltungsprozess gestellt. Sämtliche Namen betreuter Personen sind verändert, mit der fiktiven Namenswahl wird aber versucht, den jeweiligen kulturellen Konnex aufrecht zu erhalten.

Julia ist 19 Jahre alt und wird im Rahmen einer „Hilfe für junge Erwachsene“ betreut. Als Julia von diesem Projekt hört, wird sie selbständig aktiv. Julia möchte ihre Beiträge alleine malen – ihre Bilder sind als Ausdruck eines in der Tat beherzten Dankeschöns an die KJH für die viele Hilfe, welche Julia im Laufe ihres jungen Lebens erfahren hat, zu verstehen. Julia war viele Jahre lang untergebracht und kehrte mit 17 in den Haushalt ihrer Mutter zurück.

Tobias ist 17 Jahre alt und sehr schwer im Drogendunst gefangen. Er produziert für sein eigenes Zimmer ein fröhliches, hoffnungsfrohes Bild, während er davon spricht, dass er zukünftig die Welt und fremde Länder bereisen möchte (sein gemaltes Bild steht für diesen Artikel leider nicht zur Verfügung).

Zur „Katastrophe seines Lebens“, welche die Betreuerin – als Gegenpol zur soeben beschriebenen Fröhlichkeit und zum Optimismus – nach Regie des Jugendlichen malt, weiß Tobias nicht, wie sie enden wird. Ein Überleben ist nicht gesichert.

Mit Nesrin (15 Jahre) und Esma (14 Jahre) wurde für den heutigen Betreuungstermin vereinbart, dass sie sich mit ihren jeweiligen Betreuerinnen Daniela und Jeanine zu einer Malaktivität im Büro treffen. Für das Gemeinschaftsbild steht eine große Leinwand parat.
Jede der Malenden beginnt an einer Ecke des Bildes zu malen. Nesrin wählt die Farbe Schwarz, die anderen drei Anwesenden entscheiden sich für knallige Farben. Nach wenigen Minuten wird das Bild um 90 Grad gedreht und die Schöpfungen der einen Person werden um die Ideen der nächsten Person ergänzt. Dies findet insgesamt vier Mal statt (360 Grad). Beachtenswert ist, dass keine der Malenden in den jeweiligen Bereich der anderen eindringt, jedoch farbliche oder „förmliche“ Verbindungen zum Bereich der anderen Malenden hergestellt werden, sodass schlussendlich tatsächlich ein gemeinschaftlich erschaffenes Bild entsteht, welches auf den ersten Blick nicht verrät, dass es von vier verschiedenen Personen komponiert wurde.
Während des Malprozesses findet im Übrigen ein intensiver Austausch darüber statt, dass die sehr rasche Selbstoffenbarung von Nesrin („Ich habe Probleme“), das von ihr nach außen transportierte Image einer „Schwarzmalerin“ und die permanente Infragestellung der eigenen Körperlichkeit möglicherweise Verstehens-Ansätze dafür bereitstellen, warum Nesrin kaum Kontakt zu Gleichaltrigen findet. Esmas Welt gestaltet sich zumindest bildlich gesehen bunter, wenngleich sie sich gegen die Strömungen von Nesrin verbal nicht zur Wehr setzt – in der Gestaltung kontert Esma jedoch sehr, sehr farbenfroh.

Und nochmals Nesrin: Nesrin ist müde und sehr schweigsam. Betreuerin Daniela kennt nach etwas mehr als zweijähriger Betreuungstätigkeit mit Nesrin und ihrer Familie diese selten vorkommenden aber nach wie vor gegebenen Gemütsverfassungen von Nesrin. Spannend zu beobachten ist, wie sich dieser schweigsame und sehr ruhige Modus im kreativen Prozess abbildet: Nesrin macht mit dem Pinsel hauptsächlich Pendelbewegungen, von links nach rechts, von rechts nach links und so fort. Nesrins Farbwahl ist heute sehr harmonisch, es gibt keine Dissonanzen. Die wahrhaftige Schönheit von Nesrins Bild ist in der digitalen Abbildung leider nur peripher erfahrbar.

Die 15-jährige Elina ist eine sehr aufgeweckte und neugierige Jugendliche und offen für Neues, deshalb sucht sie sich auch ein ungewöhnliches Format für ihr Bild aus. Als Inspiration zu ihrem Bild greift sie zu ihrem täglichen Werkzeug, ihrem Smartphone. Nach langem Scrollen entscheidet sie sich für ein farbenfrohes Bild mit Spruch. „Do what you love“, dieser Spruch gefällt ihr sehr und passt zu ihren Zukunftsplänen: Sie möchte tun was sie liebt: Schminken, Haare stylen und Nägel machen.
Elinas Perfektionismus macht sowohl die Wahl der Farben als auch deren Auftragen zu einer Herausforderung. Den Schriftzug akkurat zu setzen, war dann der kniffligste Teil. Nach mehreren Versuchen mit dem Bleistift gelingt dann endlich ein zufriedenstellendes Ergebnis, doch Elina ist von der Anstrengung erschöpft. Die Blumen überlässt sie ihrer Betreuerin Jeanine. Mit ruhiger Hand und dünnem Pinsel zeichnet das Mädchen die einzelnen Bleistiftstriche mit schwarzer Farbe nach. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und spiegelt Elinas einzigartigen und tollen Charakter wieder.

Und nochmals Elina: Elina (15 Jahre) spricht während des Malens dieses Bildes über die verschiedensten Drogen und welche Auswirkungen diese auf den Körper haben können. Insbesondere die Auswirkung von psychedelischen Drogen findet sie sehr interessant. Elina zeichnet viele solcher ein wenig flippigen Bilder mit bunten Farben und Aliens.

Bettina (11 Jahre) ist grundsätzlich immer fürs Zeichnen oder Basteln zu begeistern und ist somit sofort Feuer und Flamme für diese Aktion. Also macht sie sich mit ihrem Betreuer Manuel ans Werk und bereitet im Sinne der Nachhaltigkeit einige bereits benutzte Leinwände vor. Sie beginnen mit den Farben zu experimentieren, sie zusammenzumischen, mit Wasser zu verdünnen und letzten Endes mehrere Schichten Farbe vorsichtig übereinander in einen Becher zu leeren und auf eine Leinwand zu gießen.
Es bereitet Bettina große Freude zu beobachten, wie durch sanftes Hin- und Herkippen der Leinwand die einzelnen Farbschattierungen zutage treten, langsam die gesamte Fläche abdecken und wunderschöne Farbübergänge zu einem tollen abstrakten Gemälde werden.

Maja (11 Jahre) ist schnell vom gemeinsamen Malen eines großen Bildes begeistert.
Inspiriert von Elinas Bild „Do what you love“ füllt Maja die Leinwand zunächst mit großen färbigen Streifen. Kaum erwarten kann sie das Trocknen der Farben, es macht sie gar nicht glücklich, dass das Bild erst beim Termin in der kommenden Woche fertig gestellt werden kann.
Nach unterschiedlichen Plänen für weitere Objekte auf dem Bild, möchte Maja das Streifenbild schließlich mit aufgemalten Blumen („Nur Blumen!“) verschönern. So entstehen nun Blumen mit mehr oder weniger ausgeprägter Detailliebe. Beachtlich war dann die Tatsache, dass außer den Blumen schlussendlich doch zwei Schmetterlinge und sogar eine Hummel und eine Biene aufs Bild dürfen. Maja hält nämlich generell gerne an ihren äußerst klaren und zwanghaft gefärbten Zugangsweisen zur Welt und zum Leben fest.

Der Spaß und die Lust am gemeinsamen kreativen und spontanen Gestalten war immens groß, wir hoffen, den tristen Gang der KJH Braunau mit unseren Schöpfungen ganz ernsthaft und erlebbar verschönert und belebt zu haben!

„Kreativität ist die wahrhaftige kosmische Realität, das Leben der kosmischen Evolution. Es ist das größte und weiteste, das die menschliche Vorstellung als allumfassendes Prinzip begreifen kann.“ Jacob Levy Moreno